Sven Asmus-Reinsberger

Operative Hektik im Klassenraum?

Methoden des Theaterunterrichts in den Sachfächern alles nur Budenzauber, der nicht wirklich das Lernen erleichtert? Ablenkung vom Eigentlichen? Oder eine hilfreiche Brücke, die neue Zugänge zu fachlichen Inhalten eröffnet? Die Antwort ist kein einfaches Ja oder Nein.

Jetzt müssen wir also wieder unsere Namen tanzen und die Mitose rappen, wahrscheinlich sollen wir fachlichen Input im Kopfstand auf dem Pult präsentieren! Das ganze untermalt durch mindestens drei Erklärvideos, die die Schüler gleichzeitig auf ihrem „own device betrachten, während „brain walks im bewegten Klassenzimmer ihre Hirnareale miteinander vernetzen helfen
Billige Polemik? Natürlich! In solchen Übertreibungen verbergen sich oft Vorurteile, die auf eigenen Ängsten von Lehrkräften beruhen: „Zu mir passt das nicht, ich kann das nicht so gut wie andere (jüngere?) Lehrkräfte, ich bin schon mit meinen ‚normalen Unterrichtsvorbereitungen zeitlich am Limit …“ Solche Ängste werden dann nicht direkt geäußert, sondern in Rationalisierungen verpackt wie „Dafür sind unsere Klassenräume gar nicht ausgestattet, „Mir fehlt sowieso schon die Zeit, um den ganzen Stoff durchzubringen, „Ich bin froh, wenn die Schüler endlich am Platz sitzen und ruhig sind da werde ich doch nicht selbst unnötig Chaos erzeugen. Solche Totschlagargumente nerven natürlich jede etwas experimentierfreudigere Lehrkraft, und man ist schnell geneigt, sich selbst als offener, progressiver, schülerfreundlicher und die entsprechenden Kollegen als verbohrte, langweilige Spießer einzuordnen. Aber sollte man nicht seine Vorurteile auch mal reflektieren, um nicht selbst in einseitigen Mustern und Selbsttäuschungen gefangen zu bleiben?
Eine Ent-Täuschung der Hattie-Studie waren für viele engagierte Lehrkräfte die geringen Effektstärken, die für bestimmte Unterrichtsformen wie „Offener Unterricht und die damit verbundenen Methoden wie Wochenplanarbeit, Stationenlernen etc. gemessen wurden. In Bezug auf Methoden sagte Hattie: „There are no magic bullets es gebe keine Patentrezepte und Methoden, die per se geeigneter seien als andere. Eine zu starke Konzentration auf bestimmte Methoden könne sogar schädlich sein. Der wahre Kern hinter den oben beschriebenen Vorurteilen könnte also sein, dass eine spannende Methode an sich noch gar nichts über den Lernerfolg der Schüler aussagt. Das ist zunächst eine Binse, für die man keine Hattie-Studie braucht, denn jede Lehrkraft hat hoffentlich gelernt, ihr Methodenset in Bezug auf die jeweiligen Zielsetzungen und den Lernerfolg der Schüler zu hinterfragen. Dennoch beinhalten gerade spannende Methoden die Gefahr, für sich genommen so unterhaltsam und abwechslungsreich zu sein, dass alle Beteiligten im Klassenzimmer sich wohlfühlen und mit dem Gefühl aus der Stunde gehen, hier habe guter Unterricht stattgefunden.
Eine Kollegin von mir, die den Bereich der Fortbildungen in den Naturwissenschaften am Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung leitet, hat solche Zustände, die sie bei vielen Hospitationen gerade von offenen Unterrichtssituationen vorgefunden hat, als „operative Hektik im Klassenraum bezeichnet: Alle sind beschäftigt, führen spannende Versuche durch, visualisieren Ergebnisse, sind hochmotiviert. Das kann tatsächlich bedeuten, dass hier in idealer Form gelernt wird. Es kann aber auch bedeuten, dass gerade alle Beteiligten durch die Menge an Ablenkungen vergessen, worum es eigentlich geht, nämlich was die Schüler (besonders auch in fachlicher Sicht) lernen sollen. Diese Gefahr besteht besonders dann, wenn neue Medien und Methoden als (politische) Heilsversprechen unhinterfragt in Bezug auf ihre jeweilige Qualitätsdimension in die Schulen getragen werden aktuell gut zu beobachten bei der neuen Sau „Digitalisierung, die durchs Dorf getrieben wird.
Fazit ist also das eigentlich Selbstverständliche, nämlich dass jede Methode nur so gut sein kann wie die...

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