Fabian Lempa

Staging Business

Angewandtes Theater in Unternehmen

Unternehmenstheater ist eine besondere Form angewandten Theaters, mit den unterschiedlichsten Ansätzen und Aufgaben hier hat sich seit gut 25 Jahren in Deutschland eine sehr heterogene Szene entwickelt.

Meine Projektleiterin hat heute wieder ein ganz schönes Drama aufgeführt!
„Wir haben einige Schauspieler in unserer Abteilung!
„Theater gibt es bei uns in der Firma jeden Tag genug!
Diese oder ähnliche Sätze werden häufig und mit mehr oder minder ernstem Unterton geäußert, wenn es darum geht, die alltäglichen Querelen am Arbeitsplatz bildhaft zu umschreiben. Der Begriff „Theater und das mit diesem in Relation stehende Vokabular dienen dabei für gewöhnlich als Metaphern für diejenigen Momente des beruflichen Alltags, die als herausfordernd und stressig empfunden werden, die an Kraft und Nerven zerren, die tendenziell unerwünscht sind und auf die man oftmals liebend gerne verzichten würde: beispielsweise Streitereien mit der Chefin, zähe Verhandlungen mit Kunden, schlechte Kommunikation und Stimmung im Team oder einfach nur die schier nicht enden wollende Fülle an Arbeitsaufgaben und To-Dos.
Ist dagegen von „Theater in Unternehmen oder „Unternehmenstheater die Rede, so ist damit nichts Metaphorisches gemeint. Im Gegenteil. Hierbei handelt es sich ganz buchstäblich um theatrale Praktiken und Methoden im Unternehmenskontext und um ein Phänomen interventionistischer Theaterarbeit, das sich seit rund vier Dekaden beobachten lässt. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Theatralisierung der Wirtschaftswelt (vgl. Biehl-Missal 2007, S. 8 ff.) beauftragen bereits seit Mitte des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts nationale und internationale Unternehmen Frankreich und Kanada gelten hier als Vorreiterländer externe Theaterdienstleister, mit theatralen und theaterbasierten Methoden im Rahmen von Personal- und Organisationsentwicklungsmaßnahmen bestimmte und zuvor benannte Zielsetzungen zu erreichen (vgl. Schreyögg 2001, S. 268).
Die Branche der Anbietenden von Unternehmenstheater, deren Zahl in Deutschland vor allem seit den frühen 1990er-Jahren verstärkt anwuchs,1 ist äußerst heterogen. Theater in Unternehmen wird unter anderem von auf Organisationen spezialisierten Theatergruppen, semiprofessionellen Ensembles, Trainings- und Organisationsberatungsagenturen oder freiberuflichen Einzelpersonen mit unterschiedlichem beruflichen und fachlichen Hintergrund angeboten. Manche von diesen definieren sich explizit als Dienstleistende für die Wirtschaft, andere als Kunstschaffende mit dem primären Anliegen, Theaterkunst mit ökonomischem Mehrwert hervorzubringen, und wieder andere beschreiben ihre Tätigkeit als Mischung aus Organisationsberatung und ästhetisch-szenischer Arbeit.
Vielfältige Erscheinungsformen
Vielfältig ist auch das Spektrum der Erscheinungsformen. Es umfasst unter anderem beispielsweise Rollenspielverfahren, Theaterworkshops, eigens und individuell auf Unternehmen zugeschnittene oder zu universellen Unternehmensthemen (z.B. Mobbing am Arbeitsplatz, Arbeitsschutz usw.) geschriebene Inszenierungen oder Szenen, die von Profischauspielenden vor Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aufgeführt werden, weiterhin Improtheaterveranstaltungen, interaktive Formate, bei denen die Belegschaft in spontaner Weise in das Handlungsgeschehen eingebunden wird und eingreifen kann, oder Theaterformate, bei denen die Mitarbeitenden selbst als Darstellende auf der Bühne aktiv werden und vor ihren Kollegen und Kolleginnen performen (s. dazu Funcke/Havermann-Feye 2015).
Vielmals wird bei diesen Formen in methodisch modifizierter Weise auf die therapeutischen, politisch-emanzipatorischen oder Gemeinschaftsförderung zielenden Theaterkonzepte Jacob Levy Morenos, Augusto Boals oder Jonathan Fox Bezug genommen, wobei jedoch deren originäre Ideale und Intentionen oftmals weitgehend entkernt werden und verlorengehen. Dies wurde innerhalb der...

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