5. – 13. Schuljahr

Virginia Thielicke

Was ist das immer für ein Theater im Kunstunterricht?!

Wo und wie Theater im Kunstunterricht nützlich werden kann

Einen Raum inszenieren, handelnd ein Kunstwerk rezipieren, ein eigenes künstlerisches Produkt präsentieren: drei Beispiele für Aufgaben im Kunstunterricht, die sich mit theatralen Methoden besonders gut lösen lassen und die enge Verwandtschaft der beiden ästhetischen Fächer verdeutlichen.

Als Kunst- und Theaterlehrerin scheinen sich die Fächergrenzen in meinem Unterricht bisweilen aufzulösen. Im Kunstunterricht bauen die Schülerinnen und Schüler Standbilder, setzen sich mit Aristoteles Fünf-Akt-Theorie auseinander oder produzieren Geräuschkulissen. Im Theaterunterricht wird gezeichnet, werden Stop-Motion-Filme gedreht oder Bilder, Fotos und Videos von einem Documenta-Besuch zum Ausgangspunkt für Monologe, Szenen und kurze Performances.
Trotz der gewöhnlich phänotypischen Unterschiedlichkeit beider Fächer (im Theaterunterricht wird gespielt, getanzt, performt und im Kunstunterricht gezeichnet, gebaut, gefilmt ) sind sie sich doch, wenn man genauer hinschaut, genotypisch ähnlich. Als ästhetische Fächer haben sie die Vermittlung sinnlicher Erkenntnisdimensionen durch ästhetisch-wahrnehmungsbezogenes Denken und Handeln zum Ziel (vgl. Bildungsplan Hamburg, Sek. I Theater: 11 und Kunst: 10). Ihr Schwerpunkt liegt auf der praktischen Erprobung gestalterischer Mittel und der Reflektion ihrer Wirkung. Die Vielfalt und Divergenz von Lösungsmöglichkeiten und Sichtweisen ist eine Stärke beider Fächer, da sie die Wahrnehmung der Lernenden differenzieren und ihre Ausdrucksmöglichkeiten erweitern.
Aus diesem Grund lassen sich theaterpädagogische Methoden, theatertheoretisches Wissen und theatrale Mittel sehr gut im Kunstunterricht nutzen. Dies soll anhand von drei Beispielen aus dem Kunstunterricht der Sek. I und II, bezogen auf die drei großen Kompetenzbereiche aus dem Bildungsplan für Bildende Kunst: 1. Konzeption und Produktion, 2. Rezeption und Reflexion und 3. Präsentation und Reflexion, gezeigt werden.
Beispiel 1: Bewusste Inszenierung eines (Schul-)Raums mithilfe von Licht und Ton
(Arbeiten mit theatralen Zeichen, Konzeption und Produktion, Sek. II)
Das Thema Raum ist sowohl in der Jahrgangsstufe 10 als auch in der Oberstufe Gegenstand des Kunstunterrichts. Die Beziehung zwischen Subjekt und Raum soll dabei aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und untersucht werden: Einerseits gestaltet der Mensch Räume, indem er aktiv auf sie einwirkt, sie „in Szene setzt, und andererseits wirken Räume auf Menschen ein und beeinflussen sie in ihren Gefühlen und Handlungen.
Theater umfasst ein komplexes Zeichensystem aus akustischen und visuellen, transitorischen und länger andauernden sowie schauspielerbezogenen und raumbezogenen Zeichen.1 Die verschiedenen Ebenen können dem Text beziehungsweise der Handlung untergeordnet sein, ihm zuarbeiten oder, wie es im zeitgenössischen experimentellen Theater häufig der Fall ist, genauso für sich allein stehen. Auf diese Weise gesschaffene Atmosphären können Gefühle, Assoziationen und Erinnerungen beim Zuschauer erzeugen. Ob auf der Bühne oder auch in alten Fabrikhallen oder Schulgebäuden, wie etwa bei Inszenierungen von Signa: Schummriges Licht, menschliches Schreien und der Geruch nach muffiger Kohlsuppe versetzen den Zuschauer gleich zu Beginn der Vorstellung in eine beklemmende Stimmung.
Im Kunstunterricht sollten die Schülerinnen und Schüler einen vorgefundenen Raum mithilfe dreier ästhetischer Mittel inszenieren, um dort eine bestimmte Atmosphäre zu kreieren. Die Reduzierung auf Licht, Ton und Geruch sollte die Aufmerksamkeit der Lernenden auf die Vielfältigkeit der einzusetzenden Mittel und Medien lenken (z.B. Kerzen, Taschenlampen, Lichterketten, Scheinwerfer, Farbfolien, Musik und live erzeugte Geräusche, Duftöle, vergammelte Lebensmittel). Zunächst mussten die Jugendlichen jedoch für die Raumwahrnehmung...

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