Clemens Risi

Dichterische in musikalische Sprache übertragen

Wozzeck [!] eine Oper von Alban Berg

Die Bearbeitung des Woyzeck-Stoffes als atonale Oper, 1925 uraufgeführt, ist auch heute noch eine besondere gesangliche und darstellerische Herausforderung.

Wien, Residenzbühne, 5. Mai 1914: Nur wenige Monate nach der Münchner Uraufführung und als dritte Bühne überhaupt nach München und Berlin kommt Büchners „Woyzeck in Wien zur Erstaufführung. Im Publikum ein junger Komponist Alban Berg , der von dem auf der Bühne Erlebten so sehr beeindruckt war, dass er sogleich den Entschluss fasste, Büchners Drama als Oper zu vertonen.
Alban Berg, einer der umstrittensten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts legendär das sogenannte Skandalkonzert 1913 im Wiener Musikvereinssaal, bei dem die Publikumsproteste nach der Uraufführung von Bergs Orchesterliedern derart eskalierten, dass das Konzert frühzeitig abgebrochen werden musste , gilt gemeinsam mit seinem Lehrer Arnold Schönberg und seinem Mitschüler Anton Webern als Wegbereiter der Atonalität, also der auf Gleichberechtigung aller Töne basierenden Kompositionstechnik, die die Rezeption heraus- und häufig überforderte, da sich die Hörer nicht mehr auf die seit der Renaissance und dem Frühbarock bis ins frühe 20. Jahrhundert und danach in der sogenannten Populärmusik (weiter) verwendeten und vertrauten Akkordfolgen und Intervallstrukturen, die sogenannte Dur-Moll-Tonalität, verlassen konnten. Dieser radikale Paradigmenwechsel im Umgang mit den zur Verfügung stehenden Tönen und Klängen stand dem Plan der Vertonung dieses außergewöhnlichen, ebenso die Rezeption heraus- und überfordernden Stoffes und Dramas sehr gut zu Gesicht und zu Gehör. Es sollte allerdings noch bis 1922 dauern, bis Bergs Vertonung „die erste abendfüllende atonale Oper (Rudolf Stephan) fertig vorliegen sollte, und noch einmal drei weitere Jahre, bis die Oper am 14. Dezember 1925 unter der musikalischen Leitung von Erich Kleiber, in der Inszenierung von Franz Ludwig Hörth, in den expressionistischen Bühnenbildern von Panos Aravantinos und mit Leo Schützendorf als Wozzeck an der Berliner Staatsoper Unter den Linden ihre Uraufführung feiern sollte. Die Uraufführung selbst war ein großer Publikumserfolg; die Reaktionen in der Presse jedoch sehr kontrovers, was für die ablehnende Seite allerdings auf einer bereits stark vernehmbaren rechten Propaganda gegen alle Arten von Avantgarde-Bestrebungen in den Künsten beruhte.
Die Grundlage: eine stark bearbeitete Fassung
Dass Bergs Oper „Wozzeck und nicht „Woyzeck heißt, beruht darauf, dass zum Zeitpunkt der ersten Beschäftigung des Komponisten mit Büchners Drama nur die stark bearbeitete Textfassung von Karl Emil Franzos aus dem Jahr 1879 mit dem auf Franzos zurückgehenden Schreibfehler des Titels sowie die Ausgabe von Paul Landau von 1909, die sich auf Franzos bezog, verfügbar waren. Erst in den folgenden Jahren wurden im Zuge der aufkommenden kritischen Editionskritik die Bearbeitungen Franzos kenntlich und auch der Schreibfehler korrigiert. Als Berg davon Kenntnis erlangte, war allerdings schon zu viel Text nach der Franzos-Fassung vertont, und es hätte eines zu großen Aufwands bedurft, alles noch einmal nach den neuen Erkenntnissen zu verändern.
Alban Berg war einerseits daran gelegen, dem Fragmentcharakter des Dramas beziehungsweise dem Eindruck einer losen Folge von Szenen mit einem strengen Formbewusstsein entgegenzutreten, das sich in der Auswahl von bestimmten Szenen sowie in einer musikalisch ganz eigenen Struktur manifestiert, indem in den einzelnen Akten traditionelle musikalische Formen zum Einsatz kommen, die jeweils einen ganzen Akt überspannen. Andererseits war es sein ausdrückliches Ziel, dem Büchnerschen Drama „zu dienen, wie er in seinem Aufsatz „Das Opernproblem aus dem Jahr 1928 explizit bekannte: „Abgesehen von dem Wunsch, gute Musik zu machen, den geistigen Inhalt von Büchners unsterblichem...

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