7. – 13. Schuljahr

Christian Reick

„Du hast ein roten Mund, Marie

Wie aus einer Dramenfigur ein autonomes Stück wird

Die Geschichte Maries als Spin-off: Eine Mittel- und Oberstufentheatergruppe eines Mädchengymnasiums entwickelte mit Mitteln des modernen Theaters ein eigenes Stück rund um die Partnerin Woyzecks.

Beim Lesen klassischer Dramentexte fallen manchmal Figuren ins Auge, die zwar für das jeweilige Stück dramaturgische Funktionen erfüllen, ansonsten jedoch eher eindimensional und blass zu bleiben scheinen. In vielen Inszenierungen eines solchen klassischen Stoffes werden ebensolche Nebenfiguren mittlerweile zu unerwarteten Identifikationsflächen für den Zuschauer. Es wirkt, als hätten diese Figuren durch die Inszenierung plötzlich ein eigenes Leben erhalten, eine Individualität und Tiefe, die beim einfachen Lesen nicht deutlich wird. Aus dieser Beobachtung lässt sich der Schluss ziehen, dass es überaus lohnenswert sein kann, solche „blassen Figuren zu untersuchen und als Impuls für eine eigene Arbeit zum Stoff eines Dramentextes zu nutzen. Praktisch bedeutet dies, den Dramentext noch einmal neu zu lesen (mit der gewählten Figur im Fokus), Textstellen zu isolieren, in andere Kontexte zu stellen und rollenbiografisch zu befragen. Auf diese Weise kann eine Vielschichtigkeit entstehen, die eine autonome Präsentation (ein „Spin-off) rechtfertigt.
Das Ensemble ARTIG, die Ober- und Mittelstufen-Theatergruppe eines Münsteraner Mädchengymnasiums, hat sich dem Stoff „Woyzeck und seinem Figurenpanoptikum genähert. Es entstand das Gerüst eines szenischen Vorhabens, das die Figur der Marie in den Mittelpunkt stellte. Das methodische Vorgehen, welches schlussendlich zu der Eigenproduktion „Du hast ein roten Mund, Marie führte, soll hier vorgestellt werden.
Die Schülerinnen reagierten im Rahmen der Annäherung sehr unterschiedlich auf die Figur. Neben Verständnis standen ebenso Entsetzen und Wut. Der Wille, sie als Identifikationsfläche zu benutzen, erwies sich bei Marie als problematisch. Aber eben diese Sperrigkeit der Figur, ihre Einfalt und die Irrationalität ihrer Entscheidungen boten der Gruppe Ansatz- und Reibungspunkte für die Auseinandersetzung mit ihr. Die „Aneignung der Figur fand darin ihren Anfang.
Die Figur Marie in Woyzeck fällt zwar nicht zwangsläufig unter die Kategorie Nebenfigur, erscheint neben Woyzeck und den anderen großen Rollen jedoch eher eindimensional. Dass sie den Tambourmajor begehrt, löst zwar entscheidende Reaktionen bei Woyzeck aus, sie selbst durchläuft dabei aber nahezu keine Entwicklung. Sie ist und bleibt geprägt durch die Armut und ihre aussichtslose Beziehung zu Woyzeck. Die daraus resultierenden Wünsche nach materiellem Wohlstand und sexueller Erfüllung bleiben bis zum Ende der Motor ihres Handelns. Bei genauerem Hinsehen und Lesen werden jedoch zahlreiche Fragen aufgeworfen, die nur zum Teil durch den Woyzeck-Text zu beantworten sind. Exemplarisch sind hier Fragen zu nennen wie:
  • Wie ist die im Stück bereits abgekühlt wirkende Beziehung zwischen Marie und Woyzeck entstanden?
  • Sieht Marie die Weiterführung einer Beziehung zu Woyzeck überhaupt als Möglichkeit an?
  • Wie reflektiert geht Marie mit ihrer aktuellen Situation um? Weiß sie um die rigorosen Grenzen, die ihr Leben bestimmen?
  • Ist es für Marie von Wichtigkeit, wie sie von ihrer Umwelt wahrgenommen wird?
Für die Arbeit sind die offenen Fragen zweifelsohne die spannenderen.
Die Marie in mir moderne Perspektiven für die Textarbeit entwickeln
Im Laufe der Beschäftigung mit der Figur, die immer vom Dramentext aus ihren Anfang nimmt, entsteht in einer Gruppe oft die Sehnsucht nach Füllung biografischer Lücken. In zwei Schritten lassen sich diese füllen und mit Perspektiven für die Weiterarbeit anreichern. Nach dem Leseprozess (der sich im Fall von Woyzeck durch eine Isolation der Marie-Szenen auch etwas vereinfachen lässt) bietet man reduziertes Material an, welches die Lebensumstände der Figur Marie im Setting...

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