Patrick Primavesi und Veronika Darian

Echo-Raum Woyzeck Orte und Resonanzen

Unterwegs mit Büchners Fragment

Von August 2017 bis Mai 2018 veranstaltete die Leipziger Schaubühne Lindenfels in enger Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig ein mehrteiliges Büchner-Projekt im Stadtraum von Leipzig, das schließlich zu einem Themenfestival und Symposion unter dem Titel „EchoRaum Büchner führte. An diesem Beispiel und im Rückblick auf den historischen Fall Woyzeck skizziert der Beitrag, inwieweit neue Perspektiven für eine politisch reflektierte, künstlerische und pädagogische Bearbeitung von Büchners Stück auch mit szenischen Installationen im öffentlichen Raum und ortsspezifischen Interventionen zu entwickeln sind.

Zur Behauptung eines Kanons deutschsprachiger Dramen steht Georg Büchners Woyzeck aus vielen Gründen quer, als ebenso problematischer wie produktiver Text. Das Stück ist in mehrfacher Hinsicht Fragment geblieben, unvollendet und nur bruchstückhaft überliefert. Es ist das erste Stück der deutschen Literaturgeschichte, das explizit ein diskriminiertes, zugleich proletarisches und asoziales Subjekt ins Zentrum seiner Handlung stellt, und es lässt alle seine Figuren durch ihre materielle und gesellschaftliche Stellung determiniert erscheinen. Es entfaltet eine eigene Zeitlichkeit, eine extreme Beschleunigung wie auch eine nicht mehr lineare, sondern eher zentrifugale Tendenz der szenischen Entwicklung; und diese überschreitet schließlich auch die mit Beginn des 17. Jahrhunderts etablierten Formprinzipien des Dramas, die vor allem auf dem Dialog verantwortlicher, handlungsmächtiger Subjekte basierten. An deren Stelle treten im Woyzeck gehetzte, ohnmächtige und haltlose Kreaturen. Diese miteinander in Wechselwirkung stehenden Besonderheiten haben auch die Rezeptionsgeschichte des Fragments geprägt.
Herausforderung des Theaters als Echo-Raum
Im Hinblick auf seine Textgestalt und seinen politischen Gehalt war das Stück eigentlich erst im frühen 20. Jahrhundert zu entdecken. Von da an wurde es immer wieder für die Konstruktion einer literarischen Moderne in Anspruch genommen und ebenso für die Charakterisierung ganz unterschiedlicher Strömungen von modernem Theater (episch, realistisch, existentialistisch, absurd, postdramatisch ) verwendet. Auch wenn die Theaterrezeption von Woyzeck nach der Uraufführung 1913 eher sporadisch verlief, ist kaum zu übersehen, dass das Stück inzwischen wegen seiner „offenen Form als produktive Herausforderung und als Teil des zeitgenössischen Repertoires begriffen wird. Dabei könnte der Rückgang auf Probleme und Potenziale der Textkonstitution auch für die Theaterarbeit weit mehr zutage fördern als die bequemere, immer noch vorherrschende Anlehnung an die etablierten Stereotypen der Rezeptionsgeschichte. Eine weitere Option für die Auseinandersetzung mit dem Stück könnte darin liegen, den Kunstraum Theater zu verlassen, gerade Woyzeck auch an realen Schauplätzen zu inszenieren und andere Praktiken des Umgangs mit dem Text auszuprobieren als das übliche, illusionistisch verstandene Rollenspiel mit abgerundeten Charakteren.
Der Text als Echo-Raum realen Geschehens
Büchners Texte können selbst schon als Echo-Räume verstanden werden, weil darin zeitgenössische Diskurse aus Medizin, Biologie, Rechtsprechung, Philosophie und Politik reflektiert sind. Mit ähnlicher Konsequenz, wenn auch weniger offensichtlich als im Bezug auf die Quellen zur Französischen Revolution in Dantons Tod, spiegelt sich im Woyzeck-Fragment Büchners Interesse an historischen Dokumenten, an gerichtsmedizinischen Fallstudien und an der Durchdringung juristischer, ethischer und sozialer Fragen zur Schuldhaftigkeit des menschlichen Lebens. Auf den Fall des Johann Christian Woyzeck wurde er wohl durch Beiträge in Zeitschriften aus der Bibliothek seines Vaters aufmerksam, der in Darmstadt als Arzt und Medizinalrat arbeitete. So erhielt Büchner...

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