André Studt (mit Anmerkungen von Leopold Klepacki)

„Er ist ein interessanter Kasus, Subjekt Woyzeck

Woyzeck als pädagogisches Exempel

Was hat Woyzeck mit Pädagogik zu tun? Dem gehen die Autoren hier nach, indem der eine ein Theaterprojekt zu „Woyzeck schildert und der andere (kursiv gesetzt) pädagogisch relevante Ideen und Begriffe in diesem Bericht aus erziehungswissenschaftlicher Sicht kommentiert.

Vor einigen Jahren kooperierte der Theaterjugendclub jet* („junges erlanger theater) mit Studierenden der dortigen Theater- und Medienwissenschaft; dies führte in unterschiedlichen (Lehr-)Formaten zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Woyzeck-Stoff und mündete in eine Produktion, die von einem professionellen Schauspieler aus dem damaligen Ensemble des Theaters und einem Dutzend Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden realisiert wurde. Auch wenn diese Arbeit und die ihr zugrunde liegende (Lern-)Idee, nämlich eine Verschränkung von studentischer Konzeptarbeit, professionellem Schauspiel und Laien-Darstellung im Rahmen des offiziellen Spielbetriebs eines Berufstheaters zunächst einmal wenig mit den Realitäten eines Theater in der Schule gemein hat, so sind die damals angestellten dramaturgischen Überlegungen eine Erörterung an dieser Stelle wert. Vor allem dann, wenn es (wie uns seinerzeit) darum geht, die Konstellationen im Stoff auf ihr strukturell veranschlagtes Verhältnis von Macht und Ohnmacht beziehungsweise von Handlungsimpulsen und deren Konsequenzen szenisch zu befragen.
Aus einer pädagogischen Perspektive ist dieses Verhältnis von Macht und Ohnmacht in mindestens zweierlei Hinsicht von Bedeutung:
1. Traditionell wird der sogenannte „pädagogische Bezug zwischen Erziehenden und Zu-Erziehenden (ein unschönes Wort; man könnte auch sagen zwischen Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern) als ein ambivalentes Verhältnis beschrieben: Einerseits ist in pädagogischen Situationen zweifelsohne ein Machtgefälle zwischen zum Beispiel Lehrenden und Lernenden zu konstatieren, das sich auf der Ebene des Wissens, der Kompetenzen (sowohl in der Bedeutung von Befähigung als auch in der Bedeutung von Befugnis), der biografischen Hintergründe, institutioneller Handlungsmöglichkeiten usw. äußert, andererseits erscheinen die Zöglinge jedoch gerade nicht als Objekte der Erziehung (oder des Unterrichts), sondern ebenfalls als Subjekte mit eigenen Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmustern, eigenen biografischen Hintergründen, Interessen, Motiven usw. Der Erziehende ist dieser Subjektivität insofern „ausgeliefert, als er auf die subjektive Eigentätigkeit der Lernenden angewiesen ist. Die Lernenden können begleitet und angeregt, deren Lerntätigkeit kann jedoch nicht hergestellt werden. Sämtliche erzieherischen Handlungen (genauso wie alle unterrichtlichen Lernunterstützungshandlungen) können somit nicht in einem kausalen Sinn gedacht werden.
2. Die Subjektposition sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden ist darüber hinaus nicht „an sich gegeben. Vielmehr ist sie gesellschaftlich, kulturell, institutionell usw. bedingt. Daraus folgt, dass sowohl das Handeln der Lehrenden als auch der Lernenden machtvoll präformiert ist durch Normen, Konventionen, Traditionen usw. Zugleich müssen die Subjektpositionen im Unterricht immer wieder aufs Neue performiert und in der konkreten Situation behauptet und bedeutsam gemacht werden; dies kann als performativer Aushandlungsprozess von Machtgefügen im Klassenzimmer verstanden werden. Macht ist dementsprechend immer nur als Effekt relationaler Verhältnisse zu verstehen.
Woyzeck mehr Objekt als Subjekt
„Er ist ein interessanter Kasus, Subjekt Woyzeck. Er kriegt Zulage, halt er sich brav …“ Im Gegensatz zur hier anzitierten Aussage des Doktors, der an Woyzeck eine Reihe von Experimenten abhält, sodass dieser zu einem „interessanten Kasus werden kann, billigten wir dem Protagonisten des Fragments von Büchner keinen vollumfassenden...

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