9. – 13. Schuljahr

Liz Rech

Erbsen, überall Erbsen

Performative Herangehensweisen an einen Klassiker

„Woyzeck eignet sich aus vielen Gründen für das Schultheater. Neben den Themen, die noch genauso aktuell sind wie zu Büchners Zeiten, und der bis heute modernen Anmutung machen auch die vielen Zugangsmöglichkeiten, die das Dramenfragment bietet, eine Umsetzung mit Schülerinnen und Schülern attraktiv. Nicht nur herkömmliche szenische Arbeitsweisen, auch verschiedenste performative Strategien können für Darsteller und Publikum ganz unterschiedliche Sichtweisen auf den Klassiker eröffnen. Die Autorin zeigt dies an mehreren Beispielen.

Woyzeck wurde durch Büchners frühen Typhustod 1837 nicht vervollständigt vier unterschiedliche Entwurfsstufen spiegeln die einzelnen Arbeitsschritte wider. Das hat aber der bedeutenden Inszenierungsgeschichte keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Das Fragment enthält viele neuartige Stilmittel, weshalb es zur Zeit Büchners ein Novum in der damaligen Literatur darstellte und in der Folge unterschiedlichste Interpretations- und Inszenierungsansätze provozierte. Die mehrsträngige Handlung, die in einer losen Reihung von Bildern und Situationen aufgefächert wird und mit vielen Auslassungen arbeitet, und die Vielfalt der Sprechweisen lassen den Text heute noch als sehr modern erscheinen.
Büchners Woyzeck eignet sich als unvollendetes Werk besonders gut für unterschiedlichste dramaturgische Herangehensweisen. Ausgehend von meinem Workshop „Performative Strategien mit einem Klassiker werde ich im Folgenden verschiedene praktische dramaturgische Herangehensweisen aus dem performativen Feld2 beschreiben. Performativ an einen dramatischen Text wie Woyzeck heranzugehen heißt für mich, sich zunächst nicht vorrangig auf die Figurenpsychologie, die Linearität des dramatischen Ablaufes oder die Textarbeit zu konzentrieren, sondern sich erstens in der konzeptionellen (Vor-)Arbeit für thematische Schwerpunktsetzungen zu entscheiden, die neue oder ungewöhnliche Lesarten erlauben, sich zweitens für das Feld der künstlerischen Forschung zu öffnen und prozessorientierte Rechercheprozesse zu initiieren (die ergebnisoffen sind, was den Vorteil hat, dass sie auch überraschende Ergebnisse hervorbringen), drittens eher körperbetonte Arbeitsweisen zu entwickeln und viertens unter Umständen mit theatralen Settings und (Bühnen-)Räumen zu experimentieren, die eher nicht nur im klassischen Guckkasten angesiedelt sind, sondern im Realraum. Dabei schließen sich beispielsweise performative Strategien und klassische Verfahren der Figurenentwicklung keinesfalls aus, sondern können sich sinnvoll ergänzen, wie sich am Beispiel Woyzeck zeigt.
Thematische Schwerpunktsetzungen: Entscheidung für ein zentrales Motiv (am Beispiel der Erbse)
„Doctor. [...] Hat er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? Es giebt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff, 0,10, salzsaures Ammonium, Hyperoxydul. Woyzeck muß er nicht wieder pissen?
Ein Angang an einen Klassiker kann sein, sich ein Motiv oder ein Thema herauszusuchen und dieses im Gruppenprozess zentral zu setzen. Das ermöglicht einen klaren Zugriff auch auf sehr komplexe und umfangreiche Stoffe. Im Fall von Woyzeck könnte das zum Beispiel das Thema Erbsen sein. Es ist ein sehr konkretes Material, was zudem auch noch den Vorteil hat, kostengünstig zu sein.
Woyzeck verdient ja bekanntlich Geld dazu, indem er einem Mediziner als menschliches Versuchskaninchen dient. Er isst nur noch Erbsen und soll regelmäßig beim Doktor Urin abgeben. Das heißt, Woyzeck leidet unter einer klassischen Mangelernährung. Wenn man zum Thema Erbsen recherchiert, kann man naturwissenschaftliche Erkenntnisse zum „Erbsenwahn3 in die Inszenierungsarbeit integrieren: Erbsen enthalten Vitamin A und C und weisen einen beachtlichen Gehalt an Folsäure auf.4 Aber Erbsen enthalten nicht nur gesunde Inhaltsstoffe: Der sekundäre Pflanzenstoff Tannin kann die Verdauung...

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