10. – 13. Schuljahr

Beate Windhorst

Stück mit Stöcken

Annäherung an „Woyzeck über ein Objekt

Eine Oberstufengruppe nutzt Besenstiele als mit vielen verschiedenen Funktionen eingesetztes Requisit für ihre „Woyzeck-Inszenierung. Wie kam es zu dieser Idee? Wie beeinflusste der Gegenstand den Inszenierungsprozess? Welche Chancen und Möglichkeiten boten sich bei der Arbeit mit dem Objekt?

Am Anfang unseres Inszenierungsprozesses zu Woyzeck war nicht das Wort, am Anfang war das Objekt: Holzstöcke. Das kam so: Interessiert hatte die Schülerinnen und Schüler zu Beginn der Erarbeitung das Innenleben der einzelnen Charaktere. Von welchen inneren und äußeren Stimmen werden sie geleitet, verleitet, geführt und letzten Endes verführt? Inwiefern bilden diese Stimmen einen eigenen Handlungsrahmen? Sind die Figuren Spielball dieser Stimmen, oder ist es vielleicht sogar umgekehrt? Ist das Fortkommen im Leben letztlich nur eine Frage des eigenen Talents, der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Ehrgeizes? Oder sind es die ungreifbaren Mächte des Bösen in ihrer ganzen Komplexität, die uns zu dem machen, was wir sind oder zu sein glauben?
Gleichzeitig äußerte die Gruppe den Wunsch nach einem anderen Woyzeck auf der Bühne als im Text, „spannender als im Stück selber, mehr Action, Bilder, Körper, unser Woyzeck soll krachen! hehre Ziele gleich zu Beginn und eine große Herausforderung für alle Beteiligten.
In dieser Situation stießen wir quasi zufällig auf die Idee, Stöcke als bestimmendes Element unserer Inszenierung zu nutzen. Wie so oft im Schultheater wurde dabei buchstäblich aus der Not eine Tugend gemacht. Die Gruppe probte damals außerhalb der Schule, in einem Probenraum einer freien Nürnberger Theatergruppe. Dieser Raum wurde immer wieder auch von anderen Gruppen genutzt. Oft kamen wir zur Probe und es musste erst einmal aufgeräumt werden, bevor wir beginnen konnten. Also wurden zunächst einmal Dinge beiseite gestellt, Platz geschaffen und vor allen Dingen der Bühnenboden mit Besen gesäubert. Nicht selten nutzten die Schüler diese Zeit vor Beginn der Proben, um mit den diversen Reinigungsgegenständen herumzublödeln und wild und ausgelassen damit zu spielen (was vielleicht auch der Tatsache geschuldet war, dass der Raum, trotz eines sich darin befindlichen Ölofens, nie richtig warm wurde). Besonders beliebt: der Besen, mit dem man nicht nur kehren konnte, sondern den man auch wunderbar als Instrument nutzen konnte, um Mitspieler damit zu verfolgen, durch den Raum zu jagen und zu piesacken, den man herumwirbeln konnte. So wurde bereits zu Beginn unserer theatralen Reise sehr früh von allen Beteiligten das Spielpotenzial eines Gegenstandes erkannt, aus dem dann letztendlich die Idee und der Wunsch entstanden, mit Besenstielen zu arbeiten.
Die Gruppe hatte zu diesem Zeitpunkt gerade begonnen, Woyzeck im Deutschunterricht zu lesen und zu besprechen. Eine Schülerin merkte an, dass doch eigentlich auch schon gleich die erste Szene in Woyzeck mit Stöcken beginnt (Woyzeck und Andres schneiden Stöcke im Gebüsch) und überhaupt sei doch Woyzeck „ein Typ, der regelrecht am Stock geht. Also wurden kurzerhand Holzbesenstiele aus dem nahegelegenen Baumarkt besorgt. Dies war sehr kostengünstig, was im Schultheater nicht zu unterschätzen ist, verfügten wir doch wie die meisten Schultheatergruppen über einen nicht allzu hohen Etat, sodass wir uns eine teure Ausstattung für unsere Produktion nicht leisten konnten.
Erstes Experimentieren mit dem Objekt
Objekte fordern die Spieler zu bestimmten Handlungen auf und erfordern von den Spielern eine bestimmte Art von Bewegung und Körpereinsatz zum Beispiel bei dem Versuch, den Stock auf der flachen Hand zu balancieren. Szenisch betrachtet stellt der Stock den Spielern Aufgaben und gibt Impulse. Damit der Stock jedoch nicht in seinem Status als Requisit, welches in seinem gewöhnlichen Gebrauch verwendet wird, verharrt, bedarf es verschiedener vorbereitender Übungen , in der die...

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