10. – 13. Schuljahr

Barbara Schlatterbeck, Ingmar Saal, Susanne Carl

Umgeben von bösen Puppen

„Woyzeck mit Masken

Eine Oberstufentheatergruppe inszenierte „Woyzeck mit selbst hergestellten Masken und schuf damit eine sehr eigene Interpretation des Dramas.

Die Entscheidung, Woyzeck mit Masken zu spielen, gründet auf einer Auseinandersetzung mit Büchners sozialpolitischer Intention die Darstellung der Unterdrückung unterprivilegierter Gruppen durch wenige Privilegierte , mit welcher sich die Gruppe bereits im Unterricht beschäftigt hatte und die sie als Schwerpunkt für ihre Inszenierung setzte: Es geht dem Autor bei den Figuren des Hauptmanns, des Doktors und des Tambourmajors nicht um einzelne Menschen, um ihre individuellen Beweggründe und Befindlichkeiten. Im Vordergrund steht die Kritik an den Gesellschaftsgruppen beziehungsweise Menschentypen, die sie vertreten: Der Hauptmann steht für den sich im Niedergang befindlichen Militäradel, der Doktor für das aufstrebende Bildungsbürgertum. Beide sind Privilegierte eines rigiden Klassensystems. Der vom gesellschaftlichen Rang her nicht weit von Woyzeck entfernte Tambourmajor ist Verbindungsglied zwischen dem sozialen Drama und dem menschlichen Drama: Er repräsentiert den vor Virilität und Selbstbewusstsein strotzenden Mann und Rivalen. Als solcher bedroht er die letzte vertraute Bindung des in jeder Hinsicht verunsicherten Woyzeck. Entsprechend hat Büchner diese drei Figuren als Typen und sogar Karikaturen gezeichnet. Diesen stehen die individuell und nicht so eindimensional gezeichneten Figuren Woyzeck und Marie gegenüber, deren Gefühle wie Liebe, Eifersucht, Verletzlichkeit, Verführbarkeit, Selbstvorwürfe, Mitleid usw. im Drama deutlich zum Ausdruck kommen. Mit Marie und Woyzeck lassen sich die Auswirkungen einer inhumanen Gesellschaftsstruktur emotional nachvollziehen.
Die typisierten Figuren mit, die individualisierten Figuren ohne Maske
Masken, besonders die von uns gewählten Vollmasken, bieten sich zur wirkungsvollen Darstellung der typisierten Figuren an. Für die komplexer gestalteten Individuen Marie und vor allem Woyzeck eignen sie sich nicht. Daher wurde in unserer Inszenierung Marie ohne Maske dargestellt, Woyzeck trägt „die kleinste Maske der Welt, eine Clownsnase.
Folgende Überlegungen liegen der Entscheidung für die Clownsnase zugrunde: Die Figur des Clowns ist immer eine tragische, der Clown zeigt sich immer selbst. Die Clownsnase dient nicht der Verstellung, sondern der Offenbarung des Selbst. Der Clown ist ein Außenseiter, er kämpft gegen die Tücken des Alltags, duldet Spott und Schadenfreude und berührt damit gleichzeitig die Menschen. Man kennt ihn als Hofnarren, häufig kleinwüchsig oder missgebildet, der in seiner Naivität die Wahrheit offenbart. Woyzeck ist in seiner niederen sozialen Stellung, seinen körperlichen Schwächen und seiner Wahrhaftigkeit mit ihm vergleichbar. Er offenbart als Clown aber auch den Blick seiner Umwelt: Für diese ist er ein nicht ernst zu nehmender Narr, mit dem man nach Belieben verfahren kann. Bei uns gibt es Szenen, im Zusammentreffen mit Marie oder wenn er allein ist, in denen er die Nase ablegt und noch mehr seine wahre Nacktheit und Verletzlichkeit als Mensch zeigt.
An anderer Stelle legt auch der Tambourmajor einmal seine Maske ab. Damit treten wir aber deutlich aus Büchners Drama heraus: Die Schüler und Schülerinnen, vor allem die Jungen, stellten sich die Frage, was hinter dem Gehabe des Aufschneiders stecken könnte, denn sie alle kennen den Zwang zu einem besonders männlichen Auftritt, der mit der eigentlichen Befindlichkeit oft nicht übereinstimmt. Es entstand eine anrührende Szene, abgerundet durch eine Diskussion der unmaskierten Jungs über die Rolle, die sie als Männer zu spielen haben. Hier ging es also nicht mehr nur um die Maske als Theaterrequisit, sondern auch um die Maske im übertragenen Sinn, als Metapher für die Rolle, die wir gegenüber anderen im Alltag spielen.1
Masken verstärken...

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