7. – 13. Schuljahr

Eleonora Venado

Warum Woyzeck?

„Du bist ein Versager! eine Aktualisierung des Stücks

In der Inszenierung der Oberstufen-Theater-AG TEGS der Ernst-Göbel-Schule in Höchst im Odenwald verknüpften die Schülerinnen und Schüler Auszüge aus „Woyzeck mit eigenen Texten und verbanden so Themen des Dramenfragments mit sie selbst betreffenden Themen eine Aktualisierung mit Respekt vor dem Ausgangstext und gleichzeitig der Freiheit, aus ihm etwas Neues entstehen zu lassen.

Zu Beginn der Arbeit mit der Gruppe gab es noch keine Entscheidung für ein Stück. Zunächst sollte dem Prozess der Gruppenbildung mit Kennenlernspielen, Übungen und dem Sammeln von Themen genügend Raum gegeben werden. Dadurch konnten einerseits die Schülerinnen und Schüler als Gruppe zusammenfinden, andererseits zeigten sich im Geschehen in dieser Phase Themen, die ihnen nahe waren und für die sie sich interessierten und die wir in unserer weiteren Arbeit aufgreifen wollten.
Themenfindung
Durch Aufgaben zu kreativem und biografischem Schreiben sowie Improvisationsangebote ließ sich das aufgezeigte Themenspektrum zu zentralen Themen verdichten: Mobbing, Angst, enttäuschte Liebe, sich rächen, aber auch Party, Festival, Musik.
Alle Schülerinnen und Schüler konnten im Rahmen einer autobiografischen Übung zum Thema Mobbing auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, und es wurde deutlich, dass der allgemeine Wunsch bestand, mit der zu entwickelnden Inszenierung das Gemisch aus Ohnmacht, Ausweglosigkeit und Verzweiflung, in dem sich ein Mobbing-Opfer befindet, zu zeigen.
Die vielen erschreckenden Situationen, die die Schüler und Schülerinnen aus eigenem Erleben beschrieben, sollten auf der Bühne eine Stimme bekommen. Das Jahr 2009, in dem unser Stück entstand, war zudem eine Zeit mehrerer Amokläufe an Schulen, etwa in Finnland und auch in Deutschland, in Winnenden. Dies beschäftigte und belastete die Jugendlichen, und es sollte im Stück Eingang finden.
Durch gezielte weitere autobiografische Übungen wurde der von der Gruppe gewählte Themenkomplex „Mobbing mit seinen vielen Facetten weiter konkretisiert. Zum Beispiel wurden Übungen zu Ängsten, Wünschen und Erfahrungen mit Mobbing zur Generierung von Eigenmaterial herangezogen.
Entscheidung für Woyzeck
In einem nächsten Schritt bekamen die Schülerinnen und Schülern sieben Dialoge aus sieben verschiedenen Stücken (die ihnen alle unbekannt waren), aus denen sie einen für eine Improvisationsaufgabe auswählen sollten konkret sollten sie einen Satz daraus auswählen und eine Szene dazu improvisieren.
Einer der sieben Dialoge bestand aus Teilen der Szene „Woyzeck rasiert den Hauptmann. Die Gruppe wählte mehrheitlich diesen Dialog als Material zum Improvisieren aus. Darauf folgte die gemeinsame Entscheidung von Spielleitung und Gruppe für Woyzeck als Spielvorlage für die zuvor miteinander formulierte Arbeitshypothese: „Mobbing, ein Weg in die Verzweiflung. Für die weitere Entwicklung unseres Stücks wollten wir Textmaterial aus Woyzeck mit eigenem Textmaterial kombinieren.
Unser Ziel war also nicht eine werktreue Umsetzung des Woyzeck, sondern die Inszenierung des Seelendramas eines gekränkten, gemobbten Menschen. Dennoch war die Entfernung vom Ursprungstext nicht so groß, dass eine Änderung des Titels angebracht gewesen wäre. Auch wenn bei der Verwirklichung unserer Perspektive Woyzeck nicht nur zum Mörder, sondern auch zum Selbstmörder wurde, hatte das TEGS-Stück dieselben Figuren und denselben Handlungsablauf wie Büchners Fragment.
Gemeinsam galt es nun herauszufinden, wo unser Fokus liegen sollte, welche Geschichte wir konkret mit diesem Ansatz erzählen wollten. Büchners Fragment ermöglicht sowohl eine offene als auch eine abgeschlossene logische Handlungsfolge. Wir wählten am Ende als zentralen Inhalt einen Amoklauf Woyzecks, was einer stringenten, geschlossenen Handlung entspricht. Die zunehmende Zerstörung Woyzecks, körperlich und mental, bis zum „point of no return, dem Moment,...

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