10. – 13. Schuljahr

Silke Gerhardt

Woyzeck getanzt

Wesentliche Elemente des Textes übertragen in Bewegung

Formen des zeitgenössischen Tanzes zeichnen sich durch ihre offenen Strukturen aus. Diese setzen sich von linearen Erzählsträngen ab und arbeiten oft collagierend. Bei „Woyzeck ist darum aufgrund seines fragmentarischen Aufbaus ein tänzerischer Zugang besonders geeignet. Als Beispiel für eine methodische Herangehensweise über das Medium Tanz wird hier die Arbeitsweise mit einem jahrgangsübergreifenden Grundkurs DS/Tanztheater in Jahrgang 11/12 vorgestellt.

Ausgangspunkt unserer Inszenierung, in der Woyzeck mit Mitteln des modernen Tanzes (s. Kasten) auf die Bühne gebracht werden soll, ist die gemeinsame Textarbeit.
Hintergrund
Hintergrund
Grundannahmen zum Tanztheater
Dem Tanz als Ausdrucksform begegnet man im Schultheater eher unsicher, sowohl Lehrende als auch Lernende haben hier häufig eine hohe Hemmschwelle. Um dem entgegenzuwirken, hilft die Klärung der eigenen Position darüber, was man unter Tanz verstehen will.
Folgende drei Grundannahmen können den Zugang zum Tanz erheblich erleichtern und Möglichkeiten eröffnen, ihn zur Umsetzung einer literarischen Vorlage auf der Bühne einzusetzen:
1.Bewegung ist Tanz. Dies umfasst grundlegende menschliche Bewegungen wie Gehen, Laufen, Springen ebenso wie verschiedene Tanztechniken (z.B. Contemporary, Urban, Folklore).
2. Tanz ist körperlicher Ausdruck. Er lässt einen Zustand, eine Emotion, eine Geschichte sichtbar werden und ist somit integriert in Theater.
3. Tanzen kann jede/r. Schülerinnen und Schüler sollen dort abgeholt werden, wo sie sich ausgehend von ihrer Bewegungs- und Erfahrungswelt befinden, so können sie in einen entsprechenden Kontext geführt werden. Dieser Kontext kann durch Musik, Objekte, Raum oder ein konkretes Thema gesetzt werden.
Durch eine intensive individuelle Beschäftigung mit dem Text und anschließende Diskussionen in der Gruppe, bestehend aus 22 Schülerinnen und Schülern, eröffnen sich Aspekte, die die Jugendlichen spannend finden und die sie in ihre eigene Erfahrungswelt übertragen können. Als Hauptmotiv ergibt sich für die Gruppe das rücksichtslose Streben nach Gewinn, Eigentum und Macht auf Kosten anderer, etwas, das auch die gegenwärtige Gesellschaft sehr bestimmt. Die Figur des Woyzeck wird als sehr heutig empfunden die Schülerinnen und Schüler tragen Eigenschaften zusammen wie: Woyzeck ist getrieben und gehetzt; er lebt am äußersten Rand der Gesellschaft; jegliche Versuche, den Anforderungen gerecht zu werden und einen sozialen Aufstieg zu erreichen, scheitern; er ist stetig steigendem Druck ausgesetzt.
Aus der Beobachtung, dass es heute sehr viele „Woyzecks gibt, ergibt sich die dramaturgische Konsequenz eines Figurensplittings. Und die gesammelten Merkmale geben bereits erste Impulse zur Generierung von Bewegungsmaterial, aus dem dann szenische Ansätze entstehen können.
Übertrag in Bewegung
Die Überlegungen zur Charakterisierung des Woyzeck werden nun in die praktische Bewegungsarbeit übertragen. Das Bild vom „Getrieben- und Gehetztsein impliziert im ersten Schritt die Bewegungsform Laufen. Diese Grundbewegung wird bereits im Warm-up zu den Unterrichtseinheiten aufgenommen (s. Übungen ).
Über durch die Lehrkraft formulierte Fragestellungen werden die Spielerinnen und Spieler zu einer Vielfalt an Laufvariationen geführt:
  • Welche Varianten des Laufens gibt es bezüglich Tempo, Raum und Haltung des Körpers?
  • Welche möglichen Raumbilder entsprechen der inhaltlichen Aussage vom „Hamsterrad?
  • Welche Tempi sind beim Laufen möglich, um die Kreisform als Gruppe zu erhalten?
  • Wie kann die Gruppe die Illusion einer Drehbühne erzeugen?
Das Ergebnis dieser Bewegungsrecherche ergibt, dass die Gruppe sich im weiteren Verlauf in drei konzentrischen Kreisen bewegt. Es fällt die Entscheidung, das tänzerische Raumbild „Laufender Kreis als dramaturgisches Grundgerüst zu nutzen und daraus alle weiteren choreografischen Ansätze zu...

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