Virginia Thielicke

Woyzeck interessiert mich nicht die Erbse!

Wie Theater helfen kann, Originalstoffe lieben zu lernen

Lange konnte die Autorin mit Büchners Fragment nichts anfangen. Doch schließlich haben ihr mehrere sehr unterschiedliche Bearbeitungen des Woyzeck-Stoffs auf der Bühne das Stück doch noch nahe gebracht.

Woyzeck automatisch denke ich da immer an eine Packung Tiefkühlerbsen. Erbsen, die hellgrün und hart mit einer zarten Frostschicht umhüllt aus einer silberfarbenen Tüte fallen und dabei immer schneller aufeinander folgende Klackgeräusche erzeugen, bis dann ein gleichmäßiges Rollen und schlussendlich nur noch Stille zu hören ist: KLACK; KLACK, klackklackklack, rollllll und dann nichts, keine Bewegung mehr.
Woyzeck hat bei mir lange nichts bewegt. Er ließ mich kalt. Mein Deutschlehrer konnte noch so sehr versuchen, mir das Stück schmackhaft zu machen. Gründe für seine heiße Liebe zu Woyzeck äußerte er genug: Woyzeck als offenes Drama, das sich mit der Entmenschlichung des Individuums beschäftigt, dessen Aktualität auch heute noch virulent ist. Fragment geblieben durch des Autors (zu) frühen und selbst tragischen Tod, war es seiner Zeit in Form, Sprache und Thema so weit voraus, dass es erst mit dem Abstand von 200 Jahren und den Erkenntnissen der Postdramatik seine wahre Größe und Wirkung entfalten konnte.
Und trotzdem langweilt es mich. Der Plot erscheint mir banal, Franz Woyzecks einfache Sprache dagegen kompliziert.
Woyzeck trat jedoch immer wieder unfreiwillig über Umwege in mein Leben; weil ich Robert Wilson verehre, zu Schultheaterfestivals gehe und mich das experimentelle Performancetheater des Künstlerkollektivs Gods Entertainment interessiert. Alle drei von mir besuchten Woyzeck-Inszenierungen befassten sich im engeren oder weiteren Sinne mit Büchners Stoff.
Woyzeck auf einem Netz
In der von Jette Steckel inszenierten Woyzeck-Bearbeitung des amerikanischen Theatermachers Robert Wilson und des Musikers Tom Waits im Hamburger Thalia Theater (2013) klettern und springen die Akteure auf einem weitmaschigen Netz, das über einen riesigen bühnenfüllenden Metallrahmen gespannt ist. Der Zuschauer kann den bis zur Karikatur überspitzten Figuren dabei zusehen, wie sie sich im Netzwerk des Lebens verstricken und immer wieder fallen, ohne dass es einen doppelten Boden gäbe. Und so seilen sich Marie und Woyzeck am Ende des Stücks langsam sinkend ab, das flimmernde Gitternetz wie die Wasseroberfläche über ihren Köpfen wabernd. Die Musik von Tom Waits unterstreicht hier einmal mehr eindrücklich die düstere Stimmung des sich vor den Augen der Zuschauer zutragenden Dramas.
Die Überzeichnung der Figuren, insbesondere der fettleibige Tambourmajor, der sich schwitzend immer wieder auf seine viel zu große Wampe respektive Pauke haut, und das mit Symbolik aufgeladene, die Spieler zu akrobatischen Höchstleistungen auffordernde Bühnenbild faszinieren mich. Neben der Wahrnehmungsordnung der Repräsentation ist es also vor allem die der Präsenz, der unmittelbaren Körperlichkeit der Schauspieler, die mich fesselt und Woyzeck gegenüber etwas milder stimmt.
Woyzeck als Thema einer Performance mit Strafgefangenen
In einer anderen Inszenierung Messer-Mord: Klinge steckt noch in der Brust des Wiener Künstlerkollektivs Gods Entertainment auf Kampnagel (2012) setzen sich acht Strafgefangene mit Büchners Woyzeck auseinander und entwickeln daraus eine Performance, die den Umgang der Gesellschaft mit Verbrechen und Strafe kritisch zur Debatte stellt. Ausgelöst durch den intensiven und erwiderten Blickkontakt eines Akteurs mit einem Zuschauer durch Gitterstäbe hinweg und dessen Frage, ob er mit ihm den Platz tauschen wolle, entfacht sich ein reger Austausch zwischen beiden Seiten darüber, ob der verurteilte Sträfling verdientermaßen hinter Gittern sitzt oder nicht. Ist er Opfer seiner Umstände oder für sein Handeln selbst verantwortlich? Ich fühle mich angesprochen, muss mich positionieren...

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